Nicht nur Köln hat einen Dom!
Umgeben von Natur und Geschichte findet im idyllischen Ambiente rund um den Altenberger Dom vom 25. – 28. Juni zum fünften Mal das Literaturfestival „Literatur am Dom – Literatur Live!“ statt. Der Literaturkritiker, Journalist und Moderator Denis Scheck hat – gemeinsam mit Karin Graf – kuratiert und moderiert, neben Bettina Böttinger und Sabine Küchler, verschiedene Veranstaltungen. Mit ihm haben wir über das Programm und die Intention des Festivals gesprochen.
Warum ein Festival mitten im Bergischen Land und welches Publikum erreichen Sie? Was prädestiniert den Altenberger Dom als Ort für Ihr Literaturfestival?
Zunächst ist dieser auf einer Waldlichtung gelegene Dom ja einfach ein wunderschöner Anblick. Hier trifft romantische Natur auf erhabene Architektur. Wenn man dann noch ein wenig über die abenteuerliche Geschichte dieses Doms erfährt, seine Nutzung als frühe Chemiefabrik nach der von Napoleon ausgelösten Säkularisation, befindet man sich schon mitten in einer spannenden Geschichte. Und die wird bis in unsere Gegenwart weitererzählt, denn dieser Dom ist ja eine der ganz wenigen simonisch, also von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzten Kirchen. Und da lag es nahe, den Geist dieses Ortes aufzugreifen und im Schatten des Doms Autorinnen und Autoren ihre Geschichten von heute erzählen zu lassen. Karin Graf und mir ist es dabei wichtig, Literatur nach Altenberg zu bringen, die uns auf neue Gedanken bringt, uns eine neue Sicht auf die Welt erschließt und dies in möglichst anregender und auch ästhetisch aufregender Weise.

Literatur am Dom
Ich glaube, wir haben in diesem Jahr ein wirklich vielfältiges und vielstimmiges Programm, das als Leistungsschau der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auch jederzeit in New York, Tokio oder Paris auftreten könnte. Nora Gomringer hat mit „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ ein gleichermaßen lustiges wie bewegendes Mutterbuch geschrieben. Mit Christoph Hein und Helga Schubert haben wir zwei gefeierte Giganten des Geisteslebens unseres Landes zu Gast, die in ihrem Werk bewiesen haben, daß man sich mit Literatur gegen eine Diktatur wie die DDR zur Wehr setzen kann und wie auch ein demokratisches Gemeinwesen wie die Bundesrepublik heute von diesen Erfahrungen profitiert. Der wunderbare Hanns-Josef Ortheil hat ja eine breite, über Jahrzehnte erschriebende Fanbase und eröffnet unser Festival mit seinem Roman „Schwebebahnen“, einer Liebeserklärung an die Fusion der deutschen mit der italienischen Kultur. Diese Idee greifen wir kulinarisch auf und lassen den leidenschaftlichen Gourmet Ortheil bei einem Lesedinner tags darauf gleich noch einmal lesen, diesmal begleitet von einem aus seinem Werk entwickelten Menü. Kristof Magnusson hat mit „Das Ende der Geschichte“ einen enorm amüsanten Spionageroman geschrieben. Und Nino Haratschwili ist ein fulminanter Abschluß mit ihrem Roman über Mädchenfreundschaften zu Zeiten des Totalitarismus „Das mangelnde Licht“. Und nicht zuletzt möchte ich von Leonie Swanns „Widdersehen“ schwärmen, einem „Schafskrimi“ – ein Genre, das diese ebenso kluge wie amüsante Autorin aus der Taufe gehoben hat.
Gibt es ein zentrales Thema, dem Ihre Auswahl folgt? Wie wichtig ist es, eine Mischung aus Unterhaltung und aktuellen Themen anzubieten?
Unterhalten wollen alle diese Autorinnen und Autoren – sonst würden sie Leitartikel und nicht Literatur schreiben. Als roten Faden könnte ich benennen, daß sich fast alle der in diesem Jahr in Altenberg vorgestellten Bücher mit der Frage auseinandersetzen, wie es einem unter Druck gelingt, Rückgrat zu zeigen.
Welche Kriterien bestimmen die Auswahl der Autor*innen? Sind es immer Neuerscheinungen, immer Bestseller?
Sie werden lachen: Karin Graf und mich verbindet, daß wir seit Kindertagen unsere Liebe zur Literatur nie verloren haben. Deshalb lassen wir uns bei der Auswahl der nach Altenberg eingeladenen Autoren auch weniger von deren kommerziellen Erfolg leiten, sondern von der Lust, mit der wir ihre Bücher gelesen haben, und – alles entscheidend! – von ihrer literarischen Qualität.
Welche Rolle spielt das Sachbuch?
Ob Migration oder politisches Mitläufertum, Widerstand gegen eine heraufziehende Diktatur, Feminismus und Klassismus: In diesem Jahr sind so viele gesellschaftlich relevante Themen bei Ortheil und Magnusson oder in den großen Romanen wie Christoph Heins „Das Narrenschiff“, Helga Schuberts Werkschau „Luft zum Leben“ oder Anja Kampmanns „Die Wut ist ein heller Stern“, dass wir ganz auf die Literatur als Seismograph unserer Gegenwart setzen.
Es gibt ein Angebot für Kinder. Kommen die Kindergruppen und Schulklassen zum Dom oder geht das Festival in die Schulen und Kitas?
Die brasilianische Autorin und Illustratorin Eymard Toledo führt im Altenberger Hof Literatur-Workshops für Schülerinnen Schüler durch und gibt Einblick in ihre Künstlerwerkstatt. In ihrer Lesung nimmt sie ihre jugendlichen Leserinnen und Leser mit in ein Dorf am Amazonas – das wird sicher spannend!
Sie bieten nicht nur klassische Lesungen an. Sollen mit Konzepten wie dem Lesedinner andere Zielgruppen erschlossen werden? Wie reagieren die Schriftsteller*innen auf die Idee, ihren Roman mit einem Dinner zu verbinden?
Hanns-Josef Ortheil war begeistert! Als leidenschaftlicher Gourmet hat Ortheil sich nicht lange bitten lassen, bei einem Lesedinner tags darauf gleich noch einmal aus „Schwebebahnen“ zu lesen, diesmal begleitet von einem aus seinem Werk entwickelten Menü.
Vielen Dank für das Interview!
Hier geht es zum Programm: www.literatur-am-dom.de