Ein Projekt in der Trägerschaft des Literaturhaus Köln, realisiert mit Svenja Reiner (künstlerische Leitung) und der Kunststiftung NRW (Jan Valk)
Sieben Fragen an Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhaus Köln.
Eine fünfköpfige Fachjury hat neue Leseformate ausgewählt, um diese an den Abenden auch vor Publikum zu präsentieren. Wie haben sich die Theorien in der Praxis in Bezug auf die Formate und auf das Publikum eingelöst?
Das Festival-Symposium kindly invited. Die Zukunft der Literatur auf der Bühne wollte neue Formen der Vermittlung von Literatur auf die Bühne bringen. Und wichtige Themen der Literaturvermittlung in Workshops und Austauschrunden mit Fachpublikum diskutieren. Um die Umsetzung von Theorie in Praxis ging es dabei nicht; vielmehr darum, dass vielfältig gestaltete Literaturveranstaltungen wichtig für die Zukunftssicherung unserer vielfältigen Literaturlandschaft sind.
Bei kindly invited ging es weniger um „Leseformate“ als um anregende und vielfältige Formen, Literatur auf der Bühne zu präsentieren bzw. ihr eine Bühne zu bereiten – das waren dann auch ein Audiowalk zu Irmgard Keuns „Gilgi“ oder eine literarische Begehung im Hilde-Domin-Park. Das Festivalteam ist dabei nicht davon ausgegangen, dass klassischere Formen der Literaturpräsentation langweilig oder unergiebig sind – die Bandbreite während des Festivals wollte aber zeigen, dass es sich lohnt, Präsentation vielfältiger zu gestalten. Nicht zuletzt, um erweiterte Zugänge und Teilhabe zu ermöglichen. kindly invited hat sich mit diesem Ansatz erfolgreich auf den Weg gemacht!
Dabei ist es auf ein erfreulich reges Publikumsinteresse gestoßen: Es gibt eine große Neugier auf neue Präsentationsformen.

Anfangs-Intervention „Zehn Arten, ein Raumschiff zu landen“ mit Lisa Krusche und Kyra Mevert © Heiwa Wong
Gab es Formate, die völlig überraschten und die du in Zukunft übernehmen möchtest?
Manches hat mich überrascht und etliches begeistert. Ganz grundsätzlich würden wir uns freuen, wenn zunächst andernorts – es war viel Fachpublikum gekommen – die Ideen präsentiert werden. Wir werden alle Veranstalter*innen mit ihrer Arbeit gerne weiter begleiten.
Zur Literaturveranstaltung gehört meist die Einmaligkeit – diese nur jeweils einmal an einem Ort zu präsentieren. Darüber sollte man weiter nachdenken. Übernehmen werden wir eine Vielzahl von Ideen und Anregungen, die in den Präsentationen und vielen Gesprächen zu erleben waren: Die Aufmerksamkeit für neue Zugänge; die Abwechslung in der Bühnengestaltung; das liebevolle Vorbereiten von Austauschmomenten mit dem Publikum und vieles mehr …
Neben dem Erschließen neuer Zielgruppen über neue Formate auf Festivalebene gab es das Symposium mit vielen Gesprächsformaten. Was sollte hier schwerpunktmäßig erarbeitet werden?
Das Symposium hat mehrere Themenblöcke verfolgt: Zum Beispiel wie wir auch in Zukunft ein Publikum für Literatur gewinnen können; wie Barrierefreiheit beim Literaturveranstalten hergestellt oder wie durch das Teilen von Ressourcen – etwa Räumen oder Wissen – der Radius unserer Arbeit erweitert werden kann. Auch Fragen rund um digitale Literatur, nach der Präsentation von Übersetzungen oder der Positionierung gegen Rechte Literaturpolitik wurden thematisiert. Wir haben uns dafür entschieden, eine Fülle möglicher Themen aufs Programm zu setzen – um damit zunächst wichtige Fragen zu stellen. Eine tiefere Bearbeitung, also die Antworten auf die gestellten Fragen, sollten wir gemeinsam in der Zukunft fortsetzen.
Es herrschte eine gute Stimmung, und die Zusammenkunft stellte sich dar als ein von vielen gewünschtes Branchentreffen. War das als Branchentreffen gedacht oder welches Publikum hattet ihr erwartet?
Es war sehr bereichernd, dass so viele Kolleg*innen aus allen Regionen des deutschsprachigen Raums und darüber hinaus angereist waren. Insgesamt ein wunderbar aufgeschlossenes und vielfältiges Publikum – und genau das haben wir uns erhofft.
Das Programm wurde stark geprägt durch die Präsenz junger Autor*innen und Veranstalter*innen. War das von Anfang an intendiert?
Wir haben uns gefreut, dass sich viele jüngere Autor*innen und Kolleg*innen für die Idee von kindly invited begeistert und Ideen eingereicht haben. Aber es gab natürlich auch prägnanten Input von einigen älteren Autor*innen und Szenevertreter*innen – im Festival und im Symposium sowieso. Das Interesse an der Zukunft und ihren Produktionsbedingungen ist da.
Barrierefreiheit spielt bei kindly invited eine wichtige Rolle. Es gab Ohropax, Anti-Stressringe und Knautschberuhigungstiere. Wurden diese Angebote als Maßnahmen der Barrierefreiheit angenommen und genutzt?
Ja, diese Angebote wurden – ebenso wie der Ruheraum – genutzt. Unser Veranstaltungstitel stand für freundliches Willkommen-heißen. Für manche neurodivergente Menschen sind sogenannte Stimming Toys ein Mittel zum Stressabbau. Sie ermöglichen erst die Teilnahme zum Beispiel an lauteren Veranstaltungen. Allerdings müssen wir noch lernen, diese Art von stressreduzierenden Produkten besser zu platzieren. Darüber hinaus gab es natürlich noch weitere Maßnahmen zur Senkung von Zugangsbarrieren, etwa die Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache (DGS).
Die Branche wünscht sich ein solches Treffen einmal im Jahr zum Austausch. Ist das denkbar? Finanziell und organisatorisch? Eventuell in abgespeckter Form?
Viele sind auf uns zugekommen und haben sich eine Fortsetzung von kindly invited gewünscht. Auch den fördernden Einrichtungen lag viel an diesem Format, in das die Suche nach guten Lösungen für künftiges Literaturvermitteln angesichts vielfältiger Herausforderungen zentral eingeschrieben ist. Jährlich wird eine Fortführung in diesem Umfang nicht möglich sein – weder finanziell noch organisatorisch. Aber wir überlegen bereits, wie ein solch produktiver und anregender Austausch fortgesetzt werden kann und sind zuversichtlich, dass wir die Themen von kindly invited vertiefen können. Schließlich wird eine vielfältig gestaltete Zukunft des Literaturveranstaltens wesentlich dazu beitragen, eine vielfältige Zukunft der Literatur zu sichern.
Vielen Dank für das Interview!